Pionierarbeit für industriellen solaren Eigenstrom in Marokko
Solar Rooftop 500 (SR500) will die Verbreitung von Solarenergietechnik in Marokko beschleunigen, Treibhausgasemissionen senken und zu den nationalen Ausbauzielen für erneuerbare Energien ausserhalb des unbedingten NDC im Rahmen des Pariser Übereinkommens beitragen. SR500 war die erste in Marokko zur Autorisierung eingereichte Aktivität unter Artikel 6.2 und wurde im November 2025 von der Schweiz und Marokko autorisiert.
Marokko ist im Energiesektor nach wie vor stark auf nicht erneuerbare Brennstoffe angewiesen, was zu hohen und weiter steigenden Treibhausgasemissionen führt. Deshalb treibt das Land den Ausbau erneuerbarer Energien voran, unter anderem mit Solardachanlagen im Industrie- und Gewerbesektor. Marokko hat zudem festgehalten, dass die Erreichung seines bedingten Klimaziels über das unbedingte NDC hinaus Unterstützung durch CO₂-Finanzierung erfordert.
ACS begann daher 2023 mit der Entwicklung von SR500, um an den CO₂-Märkten gemäss Artikel 6.2 teilzunehmen. Kern der Aktivität sind Solar-PV-Systeme in industriellem Massstab, die es marokkanischen Unternehmen ermöglichen, ihre Emissionen zu senken, indem sie fossilen Netzstrom durch vor Ort erzeugten Solarstrom ersetzen. Als eine der ersten gross angelegten Solar-Eigenstromaktivitäten unter Artikel 6.2 betrat SR500 Neuland: Weder in Marokko noch anderswo gab es damals vertiefte Erfahrungen mit Aktivitäten dieser Art.
SR500 richtet sich an Unternehmen, die eine solche Investition unter üblichen Marktbedingungen nicht tätigen würden. Im MADD wurden als zentrale Hürden der eingeschränkte Zugang zu Kapital, hohe Anfangsinvestitionen und Investitionsrisiken identifiziert und belegt. Hinzu kommen Oppor- tunitätskosten, da Industrie- oder Gewerbebetriebe oft lieber in Produktionsverbesserungen als in Photovoltaik mit vermeintlich geringerer und langsamerer Rendite investieren. Ein detailliertes und solides Finanzmodell war daher unerlässlich, um zu zeigen, dass CO₂-Erlöse für die finanzielle Tragfähigkeit und die Umsetzbarkeit entscheidend sind.
«Eine zentrale Herausforderung bestand darin, die finanzielle Zusätzlichkeit in einem Land mit allem Anschein nach grossem Solarpotenzial zu demonstrieren und zugleich die Marktrealität präzise wiederzugeben.»
Mohamed Alaoui
Photovoltaikanlagen in Marokko wandeln Sonnenlicht mithilfe von Wechselrichtern und Steuergeräten in Strom um, ermöglichen so eine saubere Stromerzeugung und erhöhen den Anteil der installierten Kapazitäten aus erneuerbaren Energien bis 2035 auf 31,4 Prozent.
© SR500 beneficiaries (via Africa Climate Solutions)
ACS führte eine konservative, auf dem internen Zinsfuss basierende Investitionsanalyse durch und berücksichtigte im Finanzmodell unter anderem Schwankungen der zentralen Parameter von bis zu 10 Prozent. In der Autorisierungsphase verlangte das BAFU zusätzlich eine Sensitivitätsanalyse, um die Zusätzlichkeit auch bei veränderten Schlüsselparametern zu prüfen. Über einen Forward Action Request (FAR) ist ACS schliesslich verpflichtet, die finanzielle Zusätzlichkeit erneut zu bewerten, falls sich wesentliche Parameter ändern.
Zaineb Kouzibri zufolge erfüllte ACS diese Anforderung bereits vor der ersten Verifizierung, indem es die finanzielle Zusätzlichkeit unter Verwendung der neuesten Parameter angesichts neuer Regierungsbeschlüsse und veränderter Bedingungen prüfte. Dies war besonders wichtig, da Marokko Ende Februar 2026 neue Einspeisetarife vorlegte. Gleichzeitig stiegen die Preise für Solarmodule aufgrund von Marktentwicklungen, drohenden Einfuhrzöllen von rund 15 Prozent sowie Wechselkursschwankungen um etwa 20 bis 25 Prozent erheblich. Wie Tests und die überarbeitete Analyse bestätigen, bleibt die Aktivität auch nach der Einführung eines Einspeisetarifs weiterhin zusätzlich, da der Tarif sehr niedrig ist und nur für einen begrenzten Teil der Jahresproduktion gilt.
«Die regelmässigen Datenaktualisierungen, die wir in Bezug auf den neuen Einspeisetarif vorgenommen haben, und die konservativen Annahmen und Überprüfungen, die wir regelmässig durchführen, werden die kontinuierliche Zusätzlichkeit und Robustheit des Programms bis 2030 gewährleisten.»
Zaineb Kouzibri
Wenn Solarpotenzial auf Realität trifft
Ein weiterer wichtiger Punkt im MADD betraf die häufige Überschätzung des marokkanischen Solarpotenzials in vereinfachten Bewertungen. Solarsoftware, Fachliteratur und Onlinequellen nennen Strahlungswerte von bis zu 1’700 kWh pro installiertem kW, was hohe Renditen und Amortisationszeiten von etwa vier Jahren nahelegt. In der Praxis beeinflussen jedoch zahlreiche Faktoren die tatsächliche Leistung. Staub und Schmutz, verursacht durch ungünstige Witterungsbedingungen, erfordern deutlich häufigere Reinigungen der Module als in weiten Teilen Europas. In einigen Regionen Marokkos wäre dies wöchentlich nötig, erfolgt in der Realität jedoch oft seltener, was die Energieerzeugung mindert. Obendrein verringern hohe Sommertemperaturen – vor allem in südlichen Regionen, etwa im Raum Marrakesch – die Effizienz der Module, sobald die Temperaturen über 35 °C steigen. Diese Um- stände wirken sich sowohl auf die Leistung als auch auf die Wirtschaftlichkeit aus. Auf Grundlage realer Anlagen und effektiver Leistungsdaten wurde deshalb klargestellt, dass der durchschnittliche Ertrag unter 1’200 kWh liegt.
Für die Berechnung der Basistreibhausgasemissionen stützt sich das MADD auf den von der marokkanischen Regierung veröffentlichten Netzemissionsfaktor, der nun jährlich vorgelegt werden soll. Dieser wiederum stützt sich auf die Instrumente, die laut Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) infrage kommen. Der veranschlagte Faktor beträgt 0,740. Da der von der Europäischen Union veröffentlichte Faktor mit rund 0,900 höher liegt, wurde für SR500 ein konservativer Ansatz gewählt.
Feststellung der Zusätzlichkeit
In seinem jüngsten, im September 2025 veröffentlichten NDC strebt Marokko für den Zeitraum 2026–2035 einen Anteil erneuerbarer Energien an der installierten Leistung von 21,6 Prozent im unbedingten und 31,4 Prozent im bedingten Klimaziel an. SR500 fällt unter das bedingte Ziel, da es im Land als bedingte Massnahme unter «Projekt 14 – Programm für die Installation erneuerbarer Energien (PV) für den Eigenverbrauch im Industriesektor bis 2035» aufgeführt ist. Das MADD zeigt, dass die Zusätzlichkeit durch klar definierte Zulassungskriterien gewahrt bleibt: Die Anlagen sind weder vorgeschrieben noch öffentlich subventioniert und gehen über das Basisszenario hinaus. SR500 soll die Installation von 1’500 MW an Solardachanlagen im gewerblichen und industriellen Sektor bis 2035 anstossen und beschleunigt damit die Dekarbonisierung über Marokkos unbedingtes Klimaziel hinaus.
Schliesslich dokumentiert das MADD weitergehende Vorteile von SR500, darunter die Schaffung von Arbeitsplätzen und eine höhere Wettbewerbsfähigkeit der Industrie.
SR500 macht Solarenergie für mittelständische Unternehmen zu einer wirtschaftlich tragfähigen Investition.
© SR500 beneficiaries (via Africa Climate Solutions)
Zahlen prüfen, Argumente stärken
Dem ACS-Team zufolge sind die Validierungs- und Autorisierungsverfahren ausgesprochen gründlich. Jede Zahl und jede Annahme mussten bei der Validierung begründet werden, in der Regel mit offiziellen oder öffentlich zugänglichen Belegen. AENOR, die Validierungsstelle, konzentrierte sich auf Referenzen und Quellen, insbe- sondere für das Finanzmodell, den Emissionsfaktor, das Basisszenario und die Tabellen zur Emissionsreduktion. Da die Validierung auf zukunftsgerichteten Schätzungen beruht und künftige Werte bisher nicht bestätigt werden können, müssen diese realistisch, glaubwürdig und belastbar sein.
Die Validierer betonten, dass in der Validierungsphase eine enge Kommunikation mit den beiden Partnerländern zentral war – nicht nur im Hinblick auf eine neue Technologie, sondern auch, um über Aktualisierungen von Anforderungen, Vorschriften, Verpflichtungen oder nationalen Finanzierungsregelungen informiert zu bleiben. Asis Arranz Arbex wies darauf hin, dass das BAFU seine Richtlinien und Anforderungen an die Validierungs- und Verifizierungsstellen sowie die Projektträger regelmässig aktualisiert. Diese Informationen werden auf der offiziellen Website veröffentlicht und teilweise auch in Präsentationen oder ergänzenden Unterlagen direkt kommuniziert, sodass neue Anforderungen frühzeitig antizipiert und die notwendigen Massnahmen korrekt im MADD berücksichtigt werden können.
In der Autorisierungsphase stellten die Schweiz und Marokko ähnliche Fragen wie bei der Validierung, um sich ein umfassendes Bild von der Aktivität zu verschaffen. Wie Zaineb Kouzibri erläuterte, konnten viele davon anhand der bereits an AENOR übermittelten Antworten geklärt werden. Während das Kernkonzept der Aktivität unverändert blieb, kann festgehalten werden, dass die Robustheit von SR500 erheblich gestärkt wurde.
Der methodische Ansatz im MADD zu SR500 stützte sich bei der Zusätzlichkeitsprüfung anfangs weitgehend auf Instrumente des Clean Development Mechanism – standardisierte Verfahren unter dem Kyoto-Protokoll. Mehrere Prüfrunden führten jedoch zu Verbesserungen, insbesondere bei der Benchmark-Analyse, der Analyse von Hindernissen, der Betrachtung gängiger Praxis sowie bei den Nachweisen zu Kosten, Finanzierung und Marktbedingungen.
«Jedes Projekt ist anspruchsvoll, kein Fall ist wie der andere. Jede Bewertung erfordert eine Untersuchung der länderspezifischen Daten, Vorschriften, rechtlichen Rahmenbedingungen, Entwicklungen am Energiemarkt und des Stands der Technik im jeweiligen Kontext.»
Luis Javier Arribas Alonso