«2025 war das Jahr mit den meisten Neuanmeldungen»

Interview mit Dr. Jürg Liechti (Neosys AG, Programmbetreiber) und Sandrine Brunet (Stiftung KliK, Programmeignerin)

Dr. Jürg Liechti, Neosys AG

© Valérie Jaquet

ÜBER DIE NEOSYS AG

Neosys ist ein Umweltingenieurbüro mit 40 Mitarbeitenden, neu in Olten ansässig. Ursprünglich ist die Firma ein Spin-off des Stahlwerks in Gerlafingen. Neosys entwickelt und betreibt Klimaschutzprojekte wie das Förderprogramm für Wärme- verbünde, auditiert CO₂-Zielvereinbarungen und berechnet Emissionsrechtzuteilungen für Firmen, die am Emissionshandelssystem teilnehmen. Auftraggeber sind hauptsächlich Projekteigner und der Bund. Ausser im Klimaschutz ist Neosys in weiteren Bereichen aktiv, darunter Ökobilanzierungen, Arbeits- und Chemiesicherheit, Erstellen von Nachhaltigkeitsberichten sowie Sorgfaltspflichtabklärungen und Unterstützung von Firmen, die ihre Gesetzeskonformität sicherstellen wollen.

Stiftung KliK: Warum war das Förderprogramm Wärmeverbünde für erneuerbare Fernwärme wichtig und notwendig?

Sandrine Brunet (SB): Das Programm hat nur fossilfreie Energien gefördert und nur Projekte, die zusätzlich waren. Das heisst, dass sie ohne die Förderung der Stiftung KliK nicht hätten umgesetzt werden können. Projekte im Bereich Fernwärme sind aber leider oft immer noch nicht wirtschaftlich. Eine Unterstützung ist deshalb wichtig, damit sie stattfinden und zur Energiewende beitragen können. Die von der Stiftung KliK unterstützten Projekte mussten strenge Kriterien erfüllen, die garantieren, dass Emissionen tatsächlich vermieden wurden.
Jürg Liechti (JL): Gerade für kleinere Wärmeverbünde war das Förderprogramm sehr wichtig, denn für ein kleines Projekt wäre die Investition in einen individuellen Projektantrag viel zu gross. In einem Programm darf die Zusätzlichkeit pauschal beurteilt werden, und es ist keine individuelle Projektvalidierung nötig. So hat der Projekteigner keine Kosten für die Projektentwicklung.

Weshalb ist erneuerbare Fernwärme überhaupt unterstützenswert?

SB: Fernwärme ist besonders wertvoll, da damit Einzelheizungen vermieden werden. Sie erlaubt, grössere Zonen mit einer einzigen Zentrale zu versorgen und viele Gebäude gleichzeitig nachhaltig zu beheizen.
JL: Genau, erneuerbare Fernwärme hat bezüglich Klimaschutz einen sehr grossen Hebel. Wenn zum Beispiel eine Stadt an einem See einen Wärmeverbund mit Seewasser betreibt oder eine Gemeinde ihre Einwohner mit Abwärme aus ihrer Kläranlage versorgen kann, ergibt dies eine grosse Menge einzelner Heizungen, die man gleichzeitig ersetzen kann.

Welche Vorteile bringt die technologische Breite des Förderprogramms?

SB: Je nach Standort und Umgebung verfügen nicht alle Projekte über die gleichen Ressourcen. Wie Jürg sagt, kann ein Wärmeverbund für einen Ort, der an einem See liegt, mit Seewasser betrieben werden, für ein anderes Projekt sind Holzschnitzel die bessere Option. Die technologische Breite hat es zum Beispiel auch erlaubt, Abwärme aus Kehrichtverbrennungsanlagen zu valorisieren.

Ergeben sich aus der technologischen Breite auch Herausforderungen?

JL: Ja, wir haben bei der Entwicklung des Programms rasch gemerkt, dass wir aufgrund der verschiedenen möglichen erneuerbaren Energiequellen nicht alle Projekte mit denselben pauschalen Faktoren beurteilen können. Wir haben bei jeder Technologie eine andere Kostenstruktur und daher auch andere Berechnungen. Deshalb besteht das Programm aus verschiedenen Modulen, die wir einzeln vom BAFU genehmigen lassen mussten. Am Anfang hat dies etwas mehr Aufwand bedeutet, danach war die Umsetzung jedoch für die Teilnehmenden und auch für uns viel einfacher.

Wie gestaltete sich der Ablauf für Teilnehmende, um von einer Förderung profitieren zu können?

JL: Neosys hat die Gesuche der Antragstellenden entgegengenommen und beurteilt. Wir haben berechnet, ob das Projekt in der vorliegenden Form zusätzlich, also ohne die Fördergelder unwirtschaftlich und dementsprechend förderbar ist. Bei einem positiven Entscheid konnten sich die Antragstellenden anschliessend zum Programm anmelden.
SB: Nach der Beurteilung durch Neosys prüfte auch die Stiftung KliK die Daten und erstellte einen Vertrag über den Kauf der Bescheinigungen, die das Projekt durch die CO₂-Reduktionen vom BAFU erhält. Damit war die Finanzierung des Wärmeverbunds sichergestellt.
JL: Einmal pro Jahr haben wir die relevanten gemessenen Daten des Projekts entgegengenommen. Dieses Monitoring erlaubte es uns, auszurechnen, wie die Leistung des Wärmeverbunds und dementsprechend die CO₂-Reduktion ausgefallen sind. Eine unabhängige Instanz verifizierte im Anschluss unseren Bericht.
SB: Nach einer positiven Verifizierung des Monitoringberichts und einer Überprüfung durch das BAFU zahlte die Stiftung KliK das Fördergeld aus. Damit war und ist für alle im Programm angemeldeten Wärmeverbünde eine jährliche Finanzierung bis 2030 gewährleistet.

Wurde das Potenzial des Förderprogramms ausgeschöpft? Wenn nein, warum nicht?

SB: Aus unserer Sicht klar nein. Gewisse Projekte bräuchten noch mehr Förderung, um umgesetzt zu werden. Da die Stiftung KliK die Kompensationspflicht gemäss CO₂-Gesetz für die Treibstoffimporteure umsetzt, ist die Höhe der Förderung begrenzt. Für die Kompensation dürfen maximal 5 Rappen pro Liter Treibstoff erhoben werden. Darüber hinaus läuft das aktuelle CO₂-Gesetz 2030 aus. Damit können Projekte nur bis 2030 gefördert werden. Projekte, die erst jetzt oder noch später umgesetzt werden, erhalten nur noch über einen kurzen Zeitraum eine finanzielle Unterstützung. Dies ist in vielen Fällen zu wenig, um einen Betrieb über 2030 hinaus sicherzustellen.
JL: Das sehe ich auch so. Was mich vor allem stört, ist dieses zeitliche «Abklemmen » eines sehr gut und auf fairer marktwirtschaftlicher Basis funktionierenden Instruments. Man hätte den Kompensationsmechanismus auch einfach weiterlaufen lassen können, bis es nichts mehr zu kompensieren gibt, weil überall genügend Reduktionen stattfinden. 2025 war das Jahr mit den meisten Neubeitritten zum Programm. Hier wäre bestimmt noch viel mehr möglich gewesen.

Stichwort Kompensation: Gab es aus ideologischer Sicht gewisse Hürden, die Sie wahrgenommen haben?

JL: Nein, im Gegenteil. Es gab etliche Interessierte, die sogar erleichtert waren, dass die Förderung nicht aus Steuergeldern bestand. Wir haben auch gemerkt, dass die Arbeit der Stiftung KliK und die Förderlogik dahinter oft zu wenig bekannt waren. Ich glaube sogar, wäre beides bekannter gewesen, hätte das Förderprogramm noch mehr bewirken können.

Wie schätzen Sie den Impact des Förderprogramms auf die Branche ein?

SB: Als gross, betrachtet man die gesamthaft berechnete Menge an reduzierten Tonnen CO₂. Bis Januar 2026 hatten die aktiven Projekte im Programm seit dem Start 2016 bereits 116’908 Tonnen CO₂ eingespart. Bis Ende 2030 sollten es insgesamt rund 959’000 Tonnen sein.
JL: Das ist richtig. Man muss betonen, dass das Programm damit bis 2030 die Emissionen aus fossilen Brennstoffen in der Schweiz um fast 2 Prozent reduzieren wird.

Wie sehen Sie das Verhältnis zum Gebäudeprogramm von Bund und Kantonen?

SB: Beide Instrumente ergänzen sich. Unterschiedliche Massnahmen werden gefördert. In manchen Kantonen sind Wärmeverbünde von beiden Instrumenten förderbar. In solchen Fällen erhöht eine Doppelförderung die Chancen zur Umsetzung eines Projekts.
JL: Die kantonale Förderung wurde nicht überall gleich gehandhabt, aber ich sehe ebenfalls eine gute und wichtige Ergänzung dieser beiden Unterstützungsmöglichkeiten. Aus finanztechnischer Sicht sind Beiträge der öffentlichen Hand als Investitionsbeiträge vorteilhaft. Sie sind risikofrei und bieten Planungssicherheit. Wenn das Projekt jedoch später erfolglos ist oder nicht mehr weitergeführt wird, ist dieser Beitrag für den Klimaschutz verloren. Er hat keine nachweisliche Wirkung erzeugt. Dies ist bei der Förderlogik der Stiftung KliK im Wärmeverbundprogramm anders. Hier erfolgt die Auszahlung erst im Nachhinein und entsprechend den reduzierten CO₂-Emissionen. Projekte, die keine starke Geldgeberstruktur im Hintergrund haben, sind natürlich über Investitionsbeiträge froh. Bei einer Vergütung pro reduzierter Tonne bleiben vermehrt Anreize, das Projekt weiter zu betreiben und zu optimieren und so das Maximum herauszuholen.

Braucht es auch nach 2030 Fördermassnahmen für erneuerbare Fernwärme? SB: Ein klares

SB: Ein klares Ja.
JL: Ja, definitiv. Es gibt noch genügend Projekte im Zusammenhang mit erneuerbarer Wärme, die ohne Förderung nicht machbar sind. Der Kompensationsmechanismus sollte unbedingt weitergeführt werden. Er ist wirkungsvoller als ein Emissionshandelssystem, weil das Geld direkt in Projekte fliesst und nicht in die Staatskasse.

Wie würden Sie künftige Fördermassnahmen ausgestalten?

JL: Wie gesagt, mich überzeugen nach wie vor die marktwirtschaftlichen, resultatbasierten Aspekte einer Förderung beim Kompensationsmechanismus. Man erhält pro Tonne CO₂, die eingespart wird, eine finanzielle Unterstützung. Das ist messbar, nachweisbar und gerecht für alle Teilnehmenden.

Sandrine Brunet, Stiftung KliK

© Stefan Knecht